Schriftgeschichte II
Eine Frage, auf die man viele Antworten bekommen kann - und meist dazu noch ganz unterschiedliche.
„Das ist die Sütterlin, die wir noch in der Schule gelernt haben”, erzählen ältere Semester. Andere erklären, daß es sich um diese komische Schrift (wie hieß sie doch?) handelt, in der Urgroßmutter ihre Kochrezepte und Liebesbriefe verfaßt hat. Manche verweisen auf die „Kurrentschrift der NS-Zeit” und schließlich teilt uns jemand mit, daß es noch Bücher mit solchen „Lettern” gibt. Was nun? Richtig? Falsch? Oder von beiden was?

Nun: „Deutsche Schreibschrift” ist mit der Zeit zum Oberbegriff für jene handschriftlichen Formen geworden, die - im Gegensatz zur lateinischen (Schreib-) Schrift - im deutschen Sprachraum eine vorwiegend eigenständige Entwicklung genommen haben. Blicken wir dazu gleich zurück bis ins 16. Jahrhundert.
Der von Gutenberg erfundene Druck mit beweglichen Lettern verbreitete sich rasch, aber für den Alltagsgebrauch war eine schnell schreibbare Handschrift notwendig, denn Gewerbe und Handel blühten. Das Lesen und Schreiben, bislang wenigen vorbehalten, wurde weiten Kreisen zugänglich. Eigene „Schreibmeister” vermittelten diese Kunst, und parallel zur Fraktur als Druck- und Urkundenschrift entstand eine Verkehrsschrift, die wir als den Beginn unserer heutigen deutschen Schreibschrift ansehen können. Diese „Kurrent” (von lat. currere = laufen) schrieb man mit der Rohr- oder Vogelkielfeder, die ein kräftiges Schriftbild ergaben.

Obwohl im 18. Jahrhundert die allgemeine Schulbildung immer weitere Verbreitung fand und Preußen 1741 die Schulschrift normte, deren nun spitzere Formen bald zum Vorbild wurden, war man noch weit von einer einheitlichen deutschen Schreibschrift entfernt. Zu unterschiedlich waren die Buchstaben - vor allem die großen.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts kam mit den neuartigen Stahlfedern auch ein neuer Stil aus England. Die großen Ober- und Unterlängen sowie die ausgeprägten Haar- und Schattenstriche erzeugten ein Schriftbild, das wir heute bewundern. Für Schreibanfänger war jedoch die Spitzfeder, die eine unnatürliche Handhaltung erfordert, eine Qual. So begannen um 1900 Pädagogen und Schriftkünstler nach besseren Lösungen zu suchen.
Ludwig Sütterlin war also nicht allein - aber die von ihm geschaffenen Formen haben sich durchgesetzt und wurden - mit Abwandlungen - von 1914 bis 1941 von Millionen Schülern gelernt.
Die „Sütterlin” stellte bewußt keinen Anspruch auf Schönheit und sollte nur die Grundlage für eine persönliche Handschrift sein. Die künstlerisch gestaltete und dabei gut schreibbare „Offenbacher Schrift” von Rudolf Koch konnte sich leider nicht durchsetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie in abgewandelter Form noch eine Zeitlang an einigen Schulen in Bayern als Zweitschrift gelehrt.

1935 wurde die Schulschrift (eine modifizierte Sütterlin) in Deutschland erstmals genormt, doch schon 1941 kam das zwangsweise Ende. Der geheime NS-Erlaß dürfte inzwischen kein Geheimnis mehr sein - daß er auch nach 1945 seine Wirkung fortsetzen konnte, ist ein anderes Kapitel.

Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, aber unsere Schreibzukunft gestalten, indem wir aus dem reichen Schatz unserer Schriftentwicklung schöpfen. Deutsche Schreibschrift, das ist eine Vielzahl von Stilformen, geschrieben mit den verschiedensten Schreibwerkzeugen. Gerade dieser Vielfalt sollten wir uns bedienen, damit jeder von uns das für ihn Passende findet. Denn Schreiben soll schließlich Freude bereiten!

Text von Harald Süß (2005)
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